Einstellungsbefragungen

Aktuell sind Begriffe wie Extremismus, Radikalisierung, Hass, Intoleranz und politische Gewalt in aller Munde. Medienberichte über Anschläge auf Personen und Einrichtungen oder über Ausschreitungen im Rahmen von Demonstrationen und Protesten häufen sich. Sie können den Eindruck erwecken, dass solche Formen der politischen Radikalisierung und Intoleranz in der Bevölkerung zunehmen. Viele Menschen betrachten dies mit Sorge und erleben diese Entwicklungen als wachsende Bedrohung des sozialen Zusammenhalts unserer Gesellschaft. Das MOTRA-Team der Universität Hamburg (UHH) befasst sich mit den Fragen nach der Verbreitung entsprechender politischer Einstellungen in unserer Gesellschaft und den Wahrnehmungen und Bewertungen dieser aktuellen Entwicklungen durch die Menschen in Deutschland.

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Es besteht in der gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit Uneinigkeit darüber, aus welchem Spektrum Gefahren der Radikalisierung und des politischen Extremismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Bestand der freiheitlichen demokratischen Ordnung in Deutschland stammen, welchen Umfang diese haben und wie sie sich entwickeln. Auch wird regelmäßig diskutiert, wie solchen Phänomenen begegnet werden soll, wie in diesem Zusammenhang also eine wirksame Prävention gestaltet werden kann. Um solche Fragen beantworten zu können, werden wissenschaftliche Untersuchungen benötigt, die eine umfassende Bestandsaufnahme des politischen Extremismus in seinen verschiedenen Formen auf einer breiten Datenbasis vornehmen und dabei auch dessen soziale Bedingungen und Hintergründe in den Blick nehmen.

Die Untersuchungen der UHH verfolgen als ein Teilprojekt des MOTRA-Forschungsverbundes in diesem Sinne das Ziel, ideologie- und phänomenübergreifend Erkenntnisse zur Verbreitung politisch extremistischer Einstellungen in Deutschland zu gewinnen und deren Veränderungen über die Zeit zu dokumentieren. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Rechtsextremismus und Islamismus und damit auf Haltungen, die demokratische Grundprinzipien und Freiheitsrechte ablehnen. Zudem geht es in den durchgeführten Studien um Intoleranz oder Hass gegenüber Fremden und Andersdenkenden. Auch die Akzeptanz von Gewalt und Rechtsbruch als Mittel der politischen Auseinandersetzung und Interessendurchsetzung wird dabei thematisiert.

Erkenntnisse über solche Einstellungen und diesbezügliche Einflussfaktoren sind in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. So können Personen mit solchen Einstellungen Unterstützerkreise und Rückhalt für Gruppen sein, die aktiv politisch motivierte Gewalt ausüben. Darüber hinaus sind derartige Einstellungen oftmals eine Vorstufe der Entwicklung eigener politisch-extremistischer Aktivität und Handlungsbereitschaft.

Um entsprechende Potentiale und Entwicklungen genauer analysieren, deren Umfang und Hintergründe einschätzen zu können, wird im Rahmen dieses Teilprojektes eine Dauerbeobachtung in Form jährlich wiederholter, repräsentativer Umfragen der erwachsenen Wohnbevölkerung eingerichtet. Diese Befragungen finden unter dem Titel „Menschen in Deutschland“ (MiD) seit 2021 statt. Neben der Erfassung eigener politischer Meinungen und Einstellungen werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hier auch gebeten, Beobachtungen von Intoleranz, Hass und Extremismus mitzuteilen, die sie in ihrem regionalen Lebensumfeld gemacht haben. Da Extremismen nicht selten vor dem Hintergrund von Verunsicherungen oder dem Erleben einer Bedrohung der eigenen Person oder der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, entstehen, werden auch solche Erfahrungen thematisiert. Hierzu werden auch Daten und Erkenntnisse der anderen Teilprojekte aus MOTRA genutzt, die z.B. Informationen über die Regionen enthalten, in denen die Befragten leben.

Jugendliche und junge Erwachsene sind oftmals ein ganz besonderes Ziel der Rekrutierungsbemühungen extremistischer Gruppen und Organisationen. Hier besteht insofern ein besonderer Bedarf an Erkenntnissen zur Förderung einer entwicklungsangemessenen Prävention. Die Befragungen der Gesamtbevölkerung werden daher ergänzt durch mehrfach wiederholte, gleichartige repräsentative Befragungen junger Menschen zwischen 16 und 21 Jahren, die unter dem Titel „Junge Menschen in Deutschland“ (JuMiD) seit 2022 alle zwei Jahre stattfinden.

In Kooperation mit dem German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg erfolgen zudem seit November 2022 zusätzliche, in kurzen Abständen wiederholte Online-Befragungen unter dem Titel „Menschen in Deutschland International“ (MiDInt). Hierin werden speziell die Wahrnehmungen internationaler Ereignisse im Kontext von Krieg, Pandemie, Flucht und Migration sowie Wirtschaftskrisen thematisiert und deren Auswirkungen auf Bedrohungswahrnehmungen und politische Einstellungen der in Deutschland lebenden Bevölkerung untersucht.

Ziel ist es, über diese Kombination von Befragungen möglichst umfassend auf der Ebene der Einstellungen sowie der alltäglichen Beobachtungen und Erlebnisse der Bevölkerung solche sozialen Prozesse und Tendenzen zu erkennen, die zur Entwicklung von Extremismen führen und den sozialen Zusammenhalt gefährden können. Die dadurch möglichen Analysen dazu, in welchem Umfang, in welchen Teilgruppen und Regionen sowie aufgrund welcher Einflüsse solche Entwicklungen stattfinden, können dazu beitragen, Risiken besser einschätzen und daran anknüpfend auch Präventionsmaßnahmen gezielter auszurichten und wirksamer gestalten zu können.

 

Prof. Dr. Peter Wetzels

Projektleitung
E-Mail: peter.wetzels@uni-hamburg.de

Dr. Katrin Brettfeld

Projektleitung
E-Mail: katrin.brettfeld@uni-hamburg.de

Rebecca Endtricht

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
E-Mail: rebecca.endtricht@uni-hamburg.de

Diego Farren

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
E-Mail: diego.farren@uni-hamburg.de

Jannik Fischer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
E-Mail: jannik.fischer@uni-hamburg.de