Protestmonitoring
Welche Rolle spielt politischer Protest bei der politischen Radikalisierung in Deutschland?
Hintergrund
Das WZB‑Protestmonitoring im Rahmen von MOTRA II knüpft an die erfolgreiche erste Förderphase an und reagiert auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Seit den 1990er‑Jahren prägen Themen wie Migration, Integration, Klima und zuletzt die Corona‑Pandemie das Protestgeschehen in Deutschland. Diese Entwicklungen gehen oft mit Radikalisierungsprozessen und politisch motivierter Gewalt einher. Ziel ist es, die deutsche Protestlandschaft systematisch zu erfassen, langfristige Trends zu analysieren und neue Protestphänomene zu identifizieren. Durch die Kombination von Protestereignisanalyse, Diskursanalyse und Bevölkerungsbefragungen werden Wechselwirkungen zwischen Protesten, öffentlicher Debatte und gesellschaftlichen Einstellungen sichtbar gemacht. Die Ergebnisse dienen als empirische Grundlage für Wissenschaft, Politik und Praxis, um Radikalisierungsprozesse frühzeitig zu erkennen und Präventionsstrategien zu entwickeln.
Forschungsfrage(n)
Wie entwickeln sich Ausmaß, Formen und Akteure von Protest in Deutschland über Zeit? Welche Faktoren fördern oder hemmen Radikalisierungsprozesse in der Protestarena? Wie sind Proteste und politische Gewalt in öffentliche Debatten eingebettet, und welche Wirkung haben sie auf die öffentliche Meinung? Das Projekt untersucht diese Fragen vergleichend über verschiedene Phänomenbereiche hinweg – darunter Islamismus, Rechtsextremismus, Klimaproteste und aktuelle Bewegungen – und analysiert die Wechselwirkungen zwischen Protestereignissen, Diskursen und Einstellungen in der Bevölkerung.
Methodik
Das WZB‑Protestmonitoring nutzt drei eng verzahnte Erhebungsinstrumente:
- Protestereignisanalyse – kontinuierliche Erfassung und Codierung von Protesten in Deutschland (1950–heute) auf Basis überregionaler und regionaler Medien, unterstützt durch maschinelles Lernen.
- Diskursanalyse – Untersuchung öffentlicher Debatten zu Protest und Radikalisierung mittels manueller und automatisierter Inhaltsanalyse (u. a. Topic Models, Named Entity Recognition).
- Einstellungsbefragungen und Experimente – repräsentative Umfragen und Survey‑Experimente zur Wahrnehmung und Legitimität verschiedener Protestformen. Die integrierte Auswertung verknüpft Ereignis‑, Diskurs‑ und Einstellungsdaten systematisch.
Ergebnisse/Ausblick
In der ersten Förderphase wurden über 14.500 Protestereignisse seit 1950 erfasst und analysiert. Die Daten zeigen u. a., dass Umwelt‑ und Klimaproteste seit 2015 stark zugenommen haben und inzwischen etwa jeden fünften Protest ausmachen. Corona‑Proteste erwiesen sich als ideologisch heterogen, mit leicht überproportionaler Beteiligung rechter Akteure. Öffentliche Debatten verdeutlichen, dass rechtsextreme und islamistische Akteure seit den 1990er‑Jahren an Sichtbarkeit gewonnen haben. Die Analyse von Biografien radikalisierter Akteure zeigt die zentrale Rolle sozialer Netzwerke im Radikalisierungsprozess. In der laufenden Projektphase (MOTRA II) werden die Erhebungen fortgeführt und um neue Themen wie Antisemitismus im Kontext des Gaza‑Krieges ergänzt. Die Protestereignisanalyse wird durch vertiefte Diskursanalysen und experimentelle Bevölkerungsbefragungen ergänzt, um die Wechselwirkungen zwischen Protesten, medialer Darstellung und öffentlicher Meinung zu verstehen. Zwei Access‑Panel‑Befragungen des WZB fokussieren auf Mobilisierungspotenziale und Wahrnehmungseffekte. Die Ergebnisse fließen in wissenschaftliche Publikationen, den MOTRA‑Monitor und den Wissenstransfer an Politik und Zivilgesellschaft ein.

Prof. Dr. Swen Hutter
Stellvertretender Direktor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am WZB. Lichtenberg-Professor in politischer Soziologie an der Freien Universität Berlin
E-Mail: swen.hutter@wzb.eu
Telefon: +49 30 25491 320

Prof. Dr. Ruud Koopmans
Direktor der Forschungsabteilung "Migration, Integration, Transnationalisierung" am WZB. Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: ruud.koopmans@wzb.eu
Telefon: +49 30 25491 451

Dr. Daniel Saldivia Gonzatti
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am WZB
E-Mail: daniel.saldivia-gonzatti@wzb.eu
Telefon: +49 30 25491 182