Digitale Grauzonen: Radikalisierungspotenziale von islamistischen Videos und Kommentarspalten

Autor*innen
Dr. Meike Isenberg, Dr. Friedhelm Hartwig, Michèle Leaman, Elena Jung
 
Organisation/Institut
Landesanstalt für Medien NRW (Auftraggeber)
 
Fachgebiet
Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH (Auftragnehmer)
 
Einsendeart
Ersteinsendung des Projekts
 
Projektstand
Abgeschlossen
Forschungseinrichtung(en)
Behördlich
 
Publikationsformate
Ergebnisbericht, FactSheet
 

Drittmittelförderung
Nein

Mittelgeber
Bundesministerium

Zentraler Phänomenbezug
Radikalisierung (allgemein)

Phänomenbereich
Religiöse Ideologie

Forschungsmethodik
Mixed-Methods Forschungsdesign

Zentralfokus
Differente Faktoren der Einflussgrößen Person, Ideologie, Umfeld

  • Fragebogen
  • Gruppendiskussion
  • Erhebung in der virtuellen Welt

  • Deskriptivanalyse
  • Diskursanalyse
  • Inhaltsanalyse

Arbeitshypothese(n)
Es ist zu beobachten, dass islamistische Akteure zunehmend professionelle mediale Strategien nutzen und Inhalte emotional, visuell ansprechend und lebensweltlich anschlussfähig inszenieren. Viele dieser Inhalte sind nicht strafbar, aber dennoch demokratiefeindlich oder potentiell radikalisierend. Diese „Grauzone“ wurde bisher kaum erforscht.

Zentrale Forschungsfragen
Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen:

Welche medialen Strategien und Darstellungsweisen nutzen islamistische Akteure in sozialen Medien, insbesondere im Graubereich „awful but lawful“?

Wie werden islamistische Inhalte visuell, emotional und narrativ inszeniert, um Anschluss an jugendliche Lebenswelten zu finden?

Welche Rolle spielen Kommentarspalten für die Normalisierung oder Bestärkung extremistischer Narrative?

Wie schätzen Fachkräfte aus Prävention islamistische Grauzoneninhalte ein?

Forschungsbefunde
Videos fungieren häufig als „Türöffner“ zu extremistischen Weltanschauungen, da sie gezielt emotionale Bedürfnisse ansprechen. Sie adressieren insbesondere Gefühle von Ausgrenzung, Entfremdung und dem Wunsch nach Zugehörigkeit – Faktoren, die vor allem bei jungen Menschen mit entsprechenden biografischen Erfahrungen besonders wirksam sind. Durch die gezielte Verknüpfung solcher emotionalen Ansprachen mit islamistischen Botschaften entsteht ein niedrigschwelliger, emotionaler Zugang zu extremistischen Narrativen. Einige der darin enthaltenen Forderungen ähneln inhaltlich denen verbotener Organisationen wie der Hizb ut-Tahrir. Darüber hinaus zeigen die in den Videos erkennbaren Mechanismen deutliche Parallelen zu politischen, rechtsextremen oder misogynen Online-Inhalten, die ähnliche Strategien der emotionalen Manipulation und Identitätsbildung nutzen. Fachkräfte schätzen den Einfluss solcher extremistischer Online-Inhalte auf Radikalisierungsprozesse als hoch ein.

Kommentarbereiche wirken darüber hinaus als „Brandbeschleuniger“, indem sie die im Video gesetzten Impulse verstärken. In den Kommentarspalten werden radikale Haltungen oft erheblich offener und extremer formuliert als im eigentlichen Video. Gleichzeitig bieten sie einen Raum für Vernetzung mit Gleichgesinnten, in dem abweichende Meinungen häufig nicht toleriert werden. Auffällig ist zudem, dass hier unterschiedliche extremistische Ideologien – etwa islamistische, rechtsextreme oder christlich-fundamentalistische – aufeinandertreffen und sich gegenseitig beeinflussen. Die emotionalisierende Wirkung der Videos potenziert sich durch die Kommentare und kann dadurch eskalierend auf Radikalisierungsdynamiken und Vernetzungsprozesse wirken.

Praktische Umsetzung
Kommentarbereiche als eigenständige Risikoräume anerkennen und in der Regulierung gezielt berücksichtigen. • Plattformen für rechtswidrige Aussagen in Resonanzräumen wie Kommentarspalten zur Verantwortung ziehen. Dazu auf Basis staatlicher Anordnungen nach dem Digital Services Act (DSA) oder gegebenenfalls durch Entfernungsanordnungen nach der Terrorist Content Online-Verordnung (TCO-VO) zur Löschung verpflichten. • Alternative Algorithmus-Modelle fördern, um differenzierten, faktenbasierten und multiperspektivischen Content sichtbar zu machen. • Fachkräfte der Prävention und Bildung gezielt zu subtilen Radikalisierungsstrategien, religiös-kulturellen Spannungen und Kommentar-Dynamiken schulen, um sie zu befähigen, problematische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Jugendliche wirksam vor extremistischer Einflussnahme zu schützen.

Zitation des Projekts
Landesanstalt für Medien NRW. (2025). Digitale Grauzonen: Radikalisierungspotentiale von islamistischen Videos und Kommentarspalten. Ergebnisbericht. https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Forschung/Sonstiges/2025_LFM-NRW_Studie_islamistische_Radikalisierung.pdf

Quellenangabe projektbezogener Publikation
Weblink

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