Autor*innen
Carl Philipp Schröder
Carl Philipp Schröder
Organisation/Institut
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
Fachgebiet
Kriminologie
Kriminologie
Kontakt E-Mail
yvonne.krieg@kfn.de
yvonne.krieg@kfn.de
Einsendeart
Ersteinsendung des Projekts
Ersteinsendung des Projekts
Projektbeginn
01/11/2024
Projektende
31/01/2026
Projektstand
Abgeschlossen
Abgeschlossen
Forschungseinrichtung(en)
Außeruniversitär (Forschungsgemeinschaft)
Außeruniversitär (Forschungsgemeinschaft)
Publikationsformate
Bericht
Bericht
Drittmittelförderung
Ja
Ja
Mittelgeber
Landesministerium
Zentraler Phänomenbezug
Extremismus
Extremismus
Arbeitshypothese(n)
Ziel des Forschungsprojekts ist eine erweiterte Replikation der in den Jahren 2013, 2014 und 2018 durchgeführten Untersuchungen zum Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein. Im Mittelpunkt steht eine repräsentative Befragung von etwa 3.000 Siebt- und Neuntklässler*innen in Schleswig-Holstein. Dabei werden insbesondere Veränderungen der Prävalenzen rechtsextremer Einstellungen und Handlungen von Jugendlichen untersucht. Die Erfassung der Handlungen erfolgt so, dass die Hellfeld-Daten zu rechtsextrem motivierten Straftaten (PMK-rechts) um das Dunkelfeld ergänzt werden, um einen realistischeren Blick auf das Gesamtphänomen zu ermöglichen. Darüber hinaus wird das soziale Umfeld der Jugendlichen, wie z. B. Familie, Peers, Schule und außerschulische Jugendarbeit, hinsichtlich seines Einflusses einbezogen. Ein Fokus liegt auch auf aktuellen Phänomenen wie z. B. Verschwörungsmentalitäten, denen ein nicht unerheblicher Anteil an der Zunahme von rechtsextremistisch motivierten Straftaten bzw. rechtsextremen Einstellungen zugeschrieben werden kann. Die Ergebnisse dieser Dunkelfelduntersuchung sollen abschließend mit den vorliegenden Hellfeld-Informationen abgeglichen und in einem Abschlussbericht mitsamt Handlungsempfehlungen dokumentiert werden.
Phänomenbereich
Rechts
Rechts
Forschungsmethodik
Quantitatives Forschungsdesign
Quantitatives Forschungsdesign
Zentralfokus
(primär) Person
(primär) Person
Erhebungsverfahren
- Fragebogen
- Erhebung in der realen Welt
Auswertungsverfahren
- Deskriptivanalyse
- Bivariate Verfahren
- Multivariate Verfahren
Forschungsbefunde
Das ProjektDie Regionalanalyse zum Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein wurde im Zeitraum 11/2024 bis 01/2026 zum wiederholten Mal nach 2013/2014 und 2018 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) durchgeführt. Ziel war es, Prävalenzen und Trends unter Jugendlichen in Schleswig-Holstein hinsichtlich rechtsextremer Einstellungen und Verhaltensweisen sowie der Opferwerdung zu untersuchen.
Methode
Aus der Liste aller allgemeinbildenden Schulen in Schleswig-Holstein wurden per Zufallsverfahren 203 Gymnasien und Gemeinschaftsschulen ausgewählt. In den teilnehmenden Schulen wurde angestrebt, alle Schüler*innen des siebten und neunten Jahrgangs zu befragen. Wie bereits in den Vorgängerbefragungen wurde ein Online-Fragebogen mit standardisierten, geschlossenen Fragen eingesetzt. Testleiter*innen leiteten die Befragungen in den Klassen an. Die Befragung dauerte eine Schulstunde (45 Minuten). Die Inhalte des Fragebogens wurden im Vergleich zur Erhebung von 2018 nur geringfügig
angepasst, um die Vergleichbarkeit sicherzustellen.
Stichprobe
Insgesamt flossen die Angaben von 4463 Schüler*innen aus 334 Klassen in 51 Schulen in die Analyse ein. Durchschnittlich waren die Schüler*innen zum Zeitpunkt der Befragung 14,5 Jahre alt. 47,8 % der Befragten gaben an, männlich zu sein, 51,2 % weiblich und 0,9 % divers. 90,7 % der Schüler*innen wurden in Deutschland geboren. 55,4 % der befragten Jugendlichen geben an, Christ*innen zu sein, 9,7 % Muslim*innen, 33,6 % gehören keiner Religion an und 1,3 % geben eine weitere Religionsgemeinschaft an. Die Daten wurden für die weiteren Analysen gewichtet, sodass die Verteilung nach Landgerichtsbezirken und Schulformen den Anteilen der Grundgesamtheit entspricht.
Zentrale Befunde
Rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen
Werden die einzelnen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen betrachtet, zeigen sich Zustimmungsraten von 18,4 % für Chauvinismus, 12,8 % für Sozialdarwinismus, 10,7 % für Ausländer*innenfeindlichkeit, 9,3 % für die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, 6,5 % für die Verharmlosung des Nationalsozialismus und 5,9 % für Antisemitismus. 37,5 % der Jugendlichen stimmen mindestens einer dieser Dimensionen zu. Im Vergleich zum Jahr 2018 befürworten deutlich mehr Jugendliche eine rechtsautoritäre Diktatur. Insgesamt hat sich das Ausmaß an rechtsextremen Einstellungen jedoch
nicht signifikant verändert. Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild lässt sich bei 3,5 % der Jugendlichen feststellen. Des Weiteren wurden verschiedene Dimensionen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002) erhoben. Hier zeigen sich Zustimmungsraten von 49,6 % bei der Abwertung von
Arbeitslosen, 24,4 % bei der Abwertung von Geflüchteten, 18,9 % bei der Abwertung von obdachlosen Personen, 17,4 % bei der Abwertung homosexueller Personen, 11,4 % für Muslim*innenfeindlichkeit, 7,2 % bei der Abwertung von Menschen mit Behinderung und 6,5 % bei Sexismus. 72,2 % der Jugendlichen stimmen bei mindestens einer Dimension zu. Im Vergleich zum Jahr 2018 ist das Ausmaß der Abwertung von arbeitslosen Personen deutlich gestiegen. Außerdem zeigen die Jugendlichen deutlich mehr Abwertung von obdachlosen Personen, Menschen mit Behinderung sowie homosexuellen Personen. Das Ausmaß bei den übrigen Dimensionen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hat sich nur wenig verändert. Statistisch bedeutsame Zusammenhänge lassen sich zwischen rechtsextremen Einstellungen und einer Reihe von Faktoren finden: z. B. Ambiguitätsintoleranz, Autoritarismus, Gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen, Risikosuche, politischer Deprivation, mangelnder Empathie, anomischen Einstellungen, Verschwörungsmentalität, Nutzung sozialer Medien und sonstiger Internetseiten für politische Informationen, Kontakt zur rechten Szene, niedriger Bildungsaspiration und schlechten Schulleistungen sowie geringer elterlicher Kontrolle und insbesondere menschenfeindlichen Einstellungen von Eltern und Freund*innen. Diese Faktoren spielen auch für Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei Jugendlichen eine Rolle, wobei hier zusätzlich ein höheres Alter mit mehr Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einhergeht sowie elterliche Gewalt eine etwas größere Rolle spielt.
Kontakterfahrungen mit der rechtsextremen Szene
Der Anteil der Jugendlichen, die auf mindestens eine Art und Weise Kontakt mit der rechtsextremen Szene oder mit rechten Inhalten hatte, ist seit dem Jahr 2018 von 36,1 % auf 57,6 % in der aktuellen Erhebung gestiegen. Die Berührungspunkte können freiwillig oder unfreiwillig sein und gehen nicht immer mit einer rechtsextremen Motivation einher. Der Anstieg kann u. A. auf eine gestiegene Sensibilität zurückzuführen sein. Die Jugendlichen haben häufiger z. B. Flyer rechter Organisationen oder Gruppen gelesen, im Internet Seiten von rechten Gruppen oder Organisationen angeschaut und sie berichten deutlich häufiger, mit rechten „rumzuhängen“. Der Einfluss der sozialen Medien scheint groß, so geben 69,7 % der Jugendlichen an, dort Videos oder Bilder gesehen zu haben, in denen ein*e
Ausländer*in etwas Kriminelles macht und 70,5 % berichten von Content, in dem sich über Ausländer*innen lustig gemacht wird.
Diskriminierende Verhaltensweisen
Mit 23,1 % geben im Jahr 2025 deutlich mehr Jugendliche als noch im Jahr 2018 (14,3 %) an, selbst schon einmal eine Person entweder bepöbelt zu haben, ihr Dinge kaputt gemacht zu haben, die Person geschlagen oder getreten zu haben, mit Worten oder mit einer Waffe bedroht zu haben, weil diese eine Behinderung hat, homosexuell ist, obdachlos ist, eine linke politische Einstellung hat, ausländischer Herkunft ist oder einer bestimmten Religion angehört. Statistisch bedeutsame Zusammenhänge mit diskriminierendem Verhalten zeigt sich bei dem Kontakt zur rechten Szene, Risikosuche, Gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen, mangelnder Empathie, Ambiguitätsintoleranz und besonders bei menschenfeindlichen Einstellungen der Eltern oder Freund*innen. Kleine Korrelationen finden sich im Zusammenhang mit Verschwörungsmentalität, der Nutzung sozialer Medien und sonstiger Internetseiten zur Informationsgewinnung von politischen Inhalten, geringer Bildungsaspiration, schlechten Schulnoten, geringer elterlichen Zuwendung und Kontrolle sowie elterlicher Gewalt, geringer sozialer Deprivation und Autoritarismus.
Opferschaft
10,9 % der Jugendlichen geben an, im vergangenen Jahr aufgrund ihrer Nationalität, Herkunft, Sprache oder Hautfarbe diskriminiert worden zu sein. Diskriminierungsarten können Pöbeleien, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Bedrohungen mit Worten oder Waffen, das bewusste soziale Ausschließen sowie die Benachteiligung im öffentlichen Raum (z. B. im Geschäft) sein. 9,1 % geben an, mindestens eine dieser Diskriminierungsarten aufgrund ihrer politischen Meinung erlebt zu haben, 4,7 % aufgrund des Geschlechts, 4,1 % aufgrund ihrer Religion und 3,2 % aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.
Zusammengefasst geben 25,4 % der Jugendlichen an, auf mindestens eine dieser Arten und mindestens wegen einer Gruppenzugehörigkeit diskriminiert worden zu sein. Es zeigt sich ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Jahr 2018, als dies von 12,6 % der Jugendlichen berichtet wurde.
Experiment zur kurzfristigen medialen Intervention
In einem in die Befragung eingebauten Survey-Experiment wurde geprüft, inwieweit eine kurze mediale Intervention (via Zeitungsartikel oder Video im TikTok-Stil) bei den Rezipient*innen Reaktionen hinsichtlich der Einstellungen zu Ausländer*innen, Muslim*innen und der Wahlintention AfD auslöst.
Es wurde ein migrationsfreundlicher Beitrag oder ein migrationskritischer Beitrag gezeigt (eine weitere Gruppe fungierte jeweils als Kontrollgruppe). Nach der Intervention ließen sich keine belastbaren Änderungen hinsichtlich der Einstellungen zu Ausländer*innen, Muslim*innen oder der Wahlintention feststellen. Allerdings können für die fehlenden Wirknachweise auch methodische Probleme verantwortlich gemacht werden.
Regionale Trends
Oftmals sind die Entwicklungen, die zwischen den Erhebungen der Jahre 2018 und 2025 beobachtet werden können, unabhängig vom Landgerichtsbezirk. Zählt man jedoch alle in diesem Bericht gefundenen, relevanten Veränderungen seit 2018 – positiv wie negativ – zusammen, so zeigt sich, dass es im Landgerichtsbezirk Itzehoe keine positiven Entwicklungen, dafür aber in 16 Bereichen Verschlechterungen (im Sinne von signifikanten Anstiegen rechtsextremer und menschenfeindlicher Einstellungen, signifikant höheren Anteilen Jugendlicher mit Kontakt zur rechtsextremen Szene oder Wahrnehmung rechtsextremer Aktivitäten) gibt. Im Landgerichtsbezirk Kiel finden sich in 13 Bereichen Verschlechterungen. Bei keinem Thema gab es einen signifikanten Rückgang, der eine hinlängliche Bedeutung aufweist. Im Landgerichtsbezirk Lübeck ist neben einer positiven Entwicklung (weniger Verharmlosung des Nationalsozialismus) in zehn Bereichen ein negativer Trend zu erkennen. Im Landgerichtsbezirk Flensburg sind neben zwei positiven Entwicklungen (weniger Ausländer*innenfeindlichkeit, weniger Muslim*innenfeindlichkeit) mit fünf Verschlechterungen noch relativ wenig negative Veränderungen zu verzeichnen. Diese Entwicklungen sagen jedoch nichts darüber aus, wo das Niveau an problematischen Einstellungen und Verhaltensweisen verhältnismäßig hoch oder niedrig ist. Es zeigt sich,
dass bei rechtsextremen Einstellungen und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kaum relevante Unterschiede zwischen den Landgerichtsbezirken vorliegen. Bei Kontakterfahrungen mit der rechtsextremen Szene und der Wahrnehmung rechtsextremer Aktivitäten hat der Landgerichtsbezirk Flensburg bei allen Themen, bei denen generell signifikante Unterschiede zwischen den Landgerichtsbezirken bestehen, den niedrigsten Wert.
Zitation des Projekts
Schröder, C. P. (2026). Regionalanalyse zum Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein 2025. (KFN-Forschungsberichte Nr. 172). Hannover: KFN.
Schröder, C. P. (2026). Regionalanalyse zum Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein 2025. (KFN-Forschungsberichte Nr. 172). Hannover: KFN.
Quellenangabe projektbezogener Publikation
https://kfn.de/wp-content/uploads/2026/04/FB_172.pdf
https://kfn.de/wp-content/uploads/2026/04/FB_172.pdf